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Neuer Umgang mit alten Gefühlen

Viele Gefühle, die im frühen Kindesalter durch das Fehlverhalten der erwachsenen Bezugspersonen (v.a. der Eltern) ausgelöst wurden, mussten wegen ihrer Intensität und v.a ihrer Ambivalenz in die Tiefen des kindlichen Unbewussten abgespalten und dort „aufbewahrt“ werden. Auf diese Weise konnte das Kind die wiederholten seelischen Verletzungen und die verursachte tiefe Verwirrung überleben. Die innere Abspaltung dieser Gefühle im Sinne einer Trennung vom Bewusstsein bewirkt jedoch, dass sie über Jahrzehnte im Unterbewusstsein erhalten bleiben und immer wieder aktiviert werden, sobald ein entsprechender Auslöser (sog. Trigger) wahrgenommen wird.

 

Der Auslöser kann eine Aussage oder ein Verhalten eines heute nahestehenden Menschen (z.B. Partner, eigene Kinder) sein oder auch nur ein Bild, eine Geste, ein Geräusch oder ein bestimmter Geruch. Der Trigger verursacht das „Aufwecken“ der abgespaltenen kindlichen Bedürfnisse und der dazugehörenden seelischen und u.U. auch körperlichen Verletzungen, die aus der Nichterfüllung bzw. Abweisung oder Bestrafung der Bedürfnisse entstanden sind.

In genau diesem Moment wird das innere Abwehrsystem aktiv, um das Aufwecken der Bedürfnisse zu verhindern. Denn dies würde die erneute Konfrontation mit den damals lebensbedrohlichen Empfindungen bedeuten.

 

Auf welche Art und Weise Abwehrstrategien entwickelt werden, ist individuell und situativ bedingt verschieden. Ob Vermeidung durch Rückzug bzw. Flucht, ob handlungsunfähiges Erstarren durch Depression oder ob „Gegenangriff“ durch aggressives, trotziges Verhalten entwickelt wird, kommt erst viele Jahr später zum Vorschein. Auch die Beruhigung und Beschwichtigung der abgespaltenen Bedürfnissituation durch unterschiedlichste Süchte ist eine bekannte Strategie.

Allen Abwehrsystemen ist jedoch gemein, dass sie auf lange Sicht das eigene Befinden stark beeinträchtigen und letztlich krank machen. Häufig wird selbst die Krankheit in die Abwehrstrategie aufgenommen und kann so zur Chronifizierung beitragen.

 

Nun gilt es, das vorhandene Abwehrsystem der Bedürfnisabspaltung, das wohlgemerkt in den frühen Kinderjahren den realen Zweck der Überlebenssicherung hatte, aufzulösen und quasi überflüssig zu machen. Dies geschieht einfach dadurch, dass die damals abgespaltenen Emotionen im sicheren therapeutischen Rahmen ins Bewusstsein geholt werden, indem ihnen jetzt erlaubt werden kann, gespürt zu werden, in dem Wissen, dass heute keine Bedrohung mehr besteht. Dabei spielt es keine besondere Rolle, ob die dazugehörenden Situationen korrekt erinnert werden.

Die "innere Wahrheit" besteht in erster Linie aus gefühlten Erinnerungen, denn in den ersten Lebensjahren sind wir ja gar nicht in der Lage, Geschehnisse bzw. die Verhaltensweisen der damaligen Bezugspersonen zu begreifen und mit Worten zu benennen. Wir konnten in dieser Lebensperiode nur fühlen, ob etwas „richtig“ oder „falsch“ für uns war. Und je häufiger die äußeren Geschehnisse in uns das Gefühl des Nicht-richtig-seins verursachten, das auch mit dem Begriff „Schmerz“ bezeichnet werden kann, umso mehr waren wir gezwungen, den Wunsch nach der Erfüllung unserer "richtigen" Bedürfnisse abzuspalten und zu verdrängen.

Diese evolutionsbiologisch in uns angelegte Funktion der Abspaltung bzw. Verdrängung sichert das Überleben des Säuglings und Kleinkindes. Spätestens jedoch als Erwachsene bezahlen wir für diese Überlebensstrategie mit seelisch-psychischem Unwohlsein, körperlichen Störungen, Beziehungskonflikten und mit Suchtverhalten.

 

Hier und jetzt geht es darum, mit unserem erwachsenen Bewusstsein wahrzunehmen, dass wir die damals notwendigen Überlebensstrategien heute nicht mehr benötigen und dass wir sie jederzeit an die verantwortlichen Personen der Kindheit zurückgeben dürfen, um unser "inneres Kind" von dieser Bürde zu entlasten.